An Essay for my 80th Birthday

By Michael Dym z"h, my late nephew.

Geburtstag des israelischen Komponisten Tzvi Avni

Der jüdische Hermann Steinke kam am 2. September 1927 in Saarbrücken zur Welt und das war damals nicht gerade das beste, was ihm passieren konnte. Das Saarland ist als Grenzpuzzlegebiet spät aus einem noch kleineren beidseitigen Flickenteppich zusammen gewoben worden. Nach dem 1. Weltkrieg erstmals eine politische Einheit und gemäss Versailler Vertrag französischem Völkerbundsmandat unterstellt, hatten die Saarländer nach 15 Jahren die Wahl. Hätten sie am 13. Januar 1935 nicht für die "Rückkehr ins Deutsche Reich" gestimmt, so wäre alles wohl ganz anders gekommen. Für die Familie Steinke mal sowieso.

"Heim ins Reich" bedeutete für Steinkes schneller Abschied. Immerhin durften sie noch die Koffer packen und die Nazis liessen ihnen sogar die Wahl, wohin sie auszureisen "wünschten", versehen mit einem wenige Monate gültigen Staatenlosenpass. Für Vater Samuel gab es nur Palästina, also von einem Mandatsgebiet in ein anderes. Mit dem Verkauf der wenigen Habseligkeiten konnte man per Bahn Triest erreichen und dort das Schiff nach Haifa, wo die kleine Familie gleich in einem Einwandererheim provisorisch unterkam und später auch eine kleine Wohnung fand.

Vater Steinke arbeitete als Gelegenheitsarbeiter und schloss sich auch einer Transportkooperative an, die gelegentlich von Syrien kommendes Gemüse und Obst nach Haifa brachte. Das waren noch Zeiten. Aber eines Tages kam er nicht nach Hause. Der mittlerweile elfjährige Hermann suchte zusammen mit seiner Mutter, wo er sein könnte. Plötzlich schrie Tzvi. Er sah an einem Fenster die Schlagzeile "Schmulik Steinke vermisst" und musste Mama, die nicht hebräisch lesen konnte, erst das Schmerzliche übersetzen: der Lastwagenkonvoj war in einen arabischen Hinterhalt geraten und von fünf Fahrern überlebte, schwer verletzt, nur einer. Samuel "Schmulik" Steinke blieb verschollen. Tzvi war Halbwaise in einem noch fremden Land.

Nun musste Mutter Regina als Haushalthilfe für den Lebensunterhalt sorgen. Später fand sie dann Arbeit bei der legendären Textilfabrik ATA, wo man Uniformen für die englische Armee schneiderte. Der Schullehrer befand derweil, dass ein jüdischer Junge nicht Hermann Steinke heissen könne und schlug vor: Tzvi Avni. Der Familienname sinngemäss durchaus passend, der Vorname, wie es sich erwies, wohl auch. Offiziell geändert wurde der Name aber erst zwölf Jahre später...

Musik war Tzvi's grosse Passion, und es war für ihn ein seltener Genuss, in Ermangelung eines eigenen, gelegentlich mal bei Nachbarn Radio zu hören. Zu seiner Barmitzwa am 13. Geburtstag wünschte sich Tzvi eine Ziehharmonika, die er auch bekam. Eine deutsche Hohner auf welcher er bei der Arbeiterjugend zum Hora-Reigen aufspielte, weshalb er, wie er bis heute beteuert, selbst nie tanzen lernte. Mit 14 Jahren begann er bei den Städtischen Wasserwerken zu arbeiten und verdiente sich so das Taschengeld, mit welchem er sich eine Mandoline und eine Blockflöte leistete. Es dauerte noch weitere Jahre, bis er erstmals Noten in die Hände bekam und sie zu lesen und interpretieren lernte. Nach der israelischen Staatsgründung und dem Militärdienst bei der Marine, konnte Tzvi endlich damit anfangen, sich ernsthaft der Musik zu widmen.

Er wollte nämlich bald nicht nur spielen sondern auch komponieren. Dazu hörte er erst einmal jegliche Musik, derer er habhaft werden konnte und das war vorerst nicht gerade viel. Seine ersten namhaften Lehrer waren Abdel Ehrlich und Paul Ben-Haim. 1958 konnte er die Israelische Musikakademie erfolgreich abschliessen und setzte dann seine Studien 1962 im Columbia Princeton Electronic Music Center sowie in Tanglewood (USA) unter besten Lehrkräften und Vorbildern fort.

Während sein Frühwerk unter dem Einfluss von Béla Bartók, Maurice Ravel und Claude Debussy stand erhielt seine Musik avantgardistische Züge, immer aber verhaftet der jüdischen Kultur und den Einflüssen nahöstlicher Melodik.

Einen Lebensunterhalt konnte man sich in einem armen Land voller Neuankömmlinge als zeitgenössischer Komponist nicht verdienen und seine ersten Stellen gaben Tzvi Beschäftigung als Lehrer und Musikpädagoge. Bald eine anerkannte Kapazität, wurde er Direktor der Musikbibliothek im damals neuen Mann-Auditorium. Diesem Umstand ist es zu verdanken, dass Tzvi jeden israelischen Musiker kennt und umgekehrt. Pnina Avni, Tzvi's früh an Krebs verstorbene Frau, war Sängerin und gab Privatunterricht, so kam man als Komponist immerhin über die Runden. Schöne Erfolge gab es in Zusammenarbeit mit anderen israelischen Kulturschaffenden, insbesondere passte Tzvi's Musik und das moderne Bat-Dor-Ballet bestens zusammen. Seine Vielseitigkeit zeigte sich aber auch in Werken für Film, Theater, Kunstausstellungen und insbesondere zu Bildern.

Irgendwie wäre es ja unlogisch, wenn es neben den unzähligen erstklassigen und weltberühmten jüdischen Interpreten nicht auch zu Komponisten reichen würde. So wurde Tzvi Avni vorerst im kleinen Israel ganz gross, und dies auch als eine hervorragende Künstlerpersönlichkeit im Kultur- und Gesellschaftsleben sowie vor allem in der Musikpädagogik. Tzvi nahm nolens volens zahlreiche führende Positionen ein, wurde Professor an der Jerusalemer Musik- und Tanzakademie und hohe Verdienste erwarb er sich bei der musikalischen Jugenderziehung, wo er u.a. heute noch Vorsitzender der Jeunesses Musicales Israel ist. Ein besonderes Anliegen ist ihm auch das jüdisch-arabische Jugendorchester.

Die internationalen Erfolge blieben nicht aus und bedeutende Dirigenten und Orchester begannen Avni in ihr Repertoire aufzunehmen. Grosse Orchesterwerke, Kammermusik, Chor- und Solostimmen, immer wieder biblische Themen nahmen ihren Lauf durch die Konzertsäle Israels und der Welt, gespielt von allen israelischen Orchestern, aber auch beispielsweise im deutschsprachigen Raum vom Berliner, Stuttgarter und Saarländischen Radioorchester, von den Bochumer Symphonikern usw. Seine Geburtsstadt Saarbrücken erinnerte sich in ehrenwerter Weise doch noch des "verlorenen" Sohnes und beauftragte ihn zur 1'000-Jahr-Feier der Stadt mit einer speziellen Komposition. Bezeichnenderweise für Tzvi nannte er ein Saarbrücken gewidmetes Werk "G'scharim" (Brücken). Seine musikpädagogischen Vorträge brachten ihm sogar Einladungen ein, die man nicht unbedingt erwarten würde, beispielsweise nach Japan.

Zusammen mit seiner zweiten Frau, der Musikjournalistin Hanna Yaddor-Avni erreichte seine Schaffenskraft neue Höhenflüge. Die moderne Musik passte nun plötzlich auch besser in moderne Zeiten und mondäne Orte: so fehlt Avni heute nicht bei den Musiktagen beispielsweise in Mégève. Ganz besonders gelungen ist ein musikalisches Kindermärchen "Das Dreibeinige Monster" das als Video oder reale Vorstellung Kindern in einem Märchenwald die Orchesterinstrumente nahe bringt. Leider ist Hanna, auch Textautorin des Märchens, am 3. September 2005 verstorben. Wir vermissen sie.

An Ehrungen mangelte es Tzvi bald auch nicht, wobei schon seine Wahl als Vorsitzender der Jury des Internationalen Arthur Rubinstein Meisterpianisten Wettbewerbs eine grosse war (1989 und 1992). 2001 erhielt Tzvi Avni den Israel Preis, die höchste Auszeichnung, die der jüdische Staat zu vergeben hat. Zuvor bereits den Kulturpreis des Saarlandes, den Preis des israelischen Ministerpräsidenten für sein Lebenswerk ebenso wie den ACUM-Preis, den Lieberson Preis, den Engel- und den Küstermeier-Preis usw.

Für die beste musikalische Würdingung die man sich denken kann überlassen wir das Wort Dr. Michael Wolpe und Auszügen aus seinem umfassenden Essay, 2007 in hebräischer Sprache erschienen und von Dr. Uri Golomb ins Englische übersetzt. Notgedrungen verliert der Text durch die nunmehrige zweite Uebersetzung ins Deutsche nochmals an Präzision. Immerhin ist der englische Text hier ebenfalls verfügbar und öffnet in einem neuen Fenster.

Dr. Wolpe, geboren 1960 in Tel Aviv und selbst Schüler von Tzvi Avni und ebenso wie er Komponist und eine herausragende Gestalt im israelischen Musikleben, der es sich überdies nicht nehmen lässt, im abgelegenen Negev-Kibbuz Sde Boker zu wohnen, nennt seinen vom Israelischen Musikinstitut (© IMI, 2007) publizierten Essay über Tzvi Avni: 

 

Der Traum des zerbrochenen Spiegels

Ueber den Komponisten Tzvi Avni

Tzvi Avni's schöpferischer Weg begann mitte der 50-er Jahre. Nebst seinem Wirken an der Jerusalemer Akademie für Musik und Tanz widmet er all seine Zeit und Energie der Komposition. Er hat es nie darauf angelegt, etwa auch Dirigent zu werden oder auf Bühnen zu erscheinen und lehnte administrative Positionen (soweit dies überhaupt möglich war) stets ab. Damit bewies er die Ernsthaftigkeit seines zielorientierten Bemühens und seiner völligen Hingabe an das, was er als seine künstlerische Berufung empfand. Seine Werke legen davon Zeugnis ab und sie sind Meilensteine in der Kunstgeschichte der israelischen Musik.
Dieser Traum eines zerbrochenen Spiegels ist der Zweite Satz in Tzvi Avni's  Program Music für Symphonieorchester, eines seiner einzigartigsten und originellsten Werke.

In ihrer Essenz erscheinen nahezu alle seine Werke wie dunstig-verschwommene Bilder in zerbrochenen Spiegeln. Das Bild ist dasjenige des Künstlers; die zerbrochenen Spiegel sein musikalisches Werk. Der Künstler ist introvertiert, manchmal entrückt, manchmal zum Greifen nah, sein Geist übervoll mit Gedanken und Ideen. Manchmal stark expressiv, zu momentanen Ausbrüchen neigend, dann wieder nachdenklich mit traurigem Unterton. Die Musik ist ein Mosaik mysteriöser Harmonien, dann wieder scharfen Abdrücken und schliesslich melodischen Fragmenten - abwechslungsweise melancholisch, klar oder empfindsam. Die Musik hüllt den Hörer in einen konzentrierten und doch subtilen Schleier von Traurigkeit.

Tzvi Avni ist ein Komponist, der über einen indivudualistischen Stil verfügt, eine einzigartige Ausdrucksweise und dessen künstlerischer Weg trotzdem Tradition und Innovation verbindet. Die Anwendung verschiedener, selbst kontrastierender Techniken und das Gleichgewicht zwischen verschiedenen Stilrichtungen und offenen Ausdrucksweisen bestimmen die zentralen Elemente in Tzvi's Persönlichkeit und seinem breit gefächerten Werk.  Avni ist sowohl ein Neo-Romantiker als auch ein Neuerer, ein subtiler ebenso wie ein eloquenter, ausdrucksstarker Komponist. Er ist der westliche Intellektuelle, dessen Stil tief in den Traditionen europäischer Musik verwurzelt ist - dessen melodische Sprache aber auch nicht zurückschreckt, sich modernen Ufern zu nähern und eine betörend-gekonnte stilistische Frische einbringt.

Avni gelingt es, kommunikativer Musik Klang zu verleihen, ohne dass dies zulasten von Qualität oder Komplexität fallen würde. Deshalb überrascht es auch nicht, dass seine Werke in Israel ebenso gern und oft aufgeführt werden wie überall auf der Welt. Er hat zahlreiche Bewunderer bei Musikern ebenso wie beim Publikum gewonnen. Als Vertreter der zweiten Generation israelischer Komponisten ist Avni unbestritten einer der herausragenden Schüler und Nachfolger seiner Lehrer Mordechai Seter und Paul Ben-Haim.

Persönlich ist Tzvi Avni ein bescheidener und genialer Mann, ebenso gebildet wie offenen Geistes; er verbreitet in seiner Umgebung eine Atmosphäre von Friede und Gelassenheit. Erst relativ spät wurde er auch ein Familienmensch. Viele Jahre nach dem tragischen Tod seiner ersten Frau Pnina heiratete er wieder, aber das Schicksal schlug nochmals in fast gleicher Weise zu: Hanna, Mutter seiner zwei erwachsenen Kinder, verstarb im Jahre 2005 - und das schmerzt sehr.

So weit Auszüge aus dem Essay von Dr. Michael Wolpe. Ich selber möchte Leser, Hörer, Musikfreunde einladen, Tzvi Avni näher kennen zu lernen, Gelegenheit dazu bietet sich immer.

Michael Dem

Zürich, 2007